20 Jahre Vahraonen – Das Vorspiel

 

Früher war ja sowieso alles besser. Zumindest in der Retrospektive. Aber war das wirklich so? Gut, du konntest dich frei in der Kurve bewegen. Eigentlich im ganzen Stadion, abgesehen von der Südtribüne. Und den Sitzplätzen in der Nordtribüne. Aber bis hinter der Nordtribüne auf halber Strecke ein Zaun die Fangruppen von einander trennen sollte, war es theoretisch möglich, dass man die Kurven wechseln konnte. Theoretisch. Denn einerseits wechselt man eher nicht während eines Spiel die Kurve, andererseits brachte gerade das den Kick, waren da doch die gegnerischen Fans.

 

Noch früher – so in den frühen 70-ern – standen eh alle unter dem schützenden Dach der alten Nordtribüne. Die, die zu Werder hielten, dicht unter dem Dach auf Höhe der Mittellinie; die, die dann auch meist eine andere Mundart sprachen, zumeist unten oder an den Seiten. Ursprünglich galten diese, farblich in zwei Kategorien – nämlich in Grünweiße und Andersfarbige – zu trennende Nicht-Alltagskleidung-Tragende lediglich als Fußballfreunde, Schlachtenbummler (sic!) oder allenfalls als Anhänger, der Begriff „Fan“ hatte noch keinen Einzug gehalten in den deutschen Sprachschatz – zumindest nicht im Sport.

 

Dennoch hatte es immer wieder Probleme gegeben mit Zuschauern, die unbefugter Weise das Spielfeld betraten – um nicht zu sagen: es geradezu stürmten. Drei Situationen in den 60-ern waren es, die diesbezüglich in größerem Maße im Weserstadion dokumentiert wurden: 1965, als nach dem Bundesligaspiel gegen Borussia Dortmund (3:0) unser SV Werder quasi als Deutscher Meister fest stand und damit bei typischen bremischen Schmuddelwetter wahrhaftig alle Dämme brachen; 1968, als Trainer Fritz Langner nach dem Fastabstieg des Vorjahres unseren SVW noch zum Vizemeister machte und zum Dank von begeisterten Bremern auf den Schultern durchs weite Rund getragen wurde; und wiederum 1965, als – diesmal unter weniger erfreulichen Umständen – das Zweitrunden-Europapokal-Rückspiel gegen Partizan Belgrad ausgetragen wurde und in einem üblen Geholze endete, was nach drei Platzverweisen (darunter zwei gegen unsere Werderaner Bordel und – in jenen Jahren unverzeihlich – gegen den SVW-Helden Pico Schütz) tumultartig endete. Wieder stürmten die Zuschauer das Spielfeld, nur unter Polizeischutz konnte der Schiri das Spielfeld verlassen. Noch Tage später konnte sich die Öffentlichkeit nicht beruhigen. Ein solches Ende im Europapokal sei eines Deutschen Meisters nicht würdig, hieß es, auch wenn man dabei eher mit Trainer und Spielern als mit Zuschauern hart ins Gericht ging.

 

Dennoch änderte sich baulich lange Zeit nichts im Weserstadion – zumindest in sicherheitstechnischer Sicht. Erst als sich diverse Städte auf die WM 1974 in der Bundesrepublik mit Um- oder Neubauten vorbereiteten, meinte man auch in der Nicht-WM-Stadt Bremen, dem neuen Sicherheitsgedanken Folge leisten zu müssen und trennte nun auch hier während der Saison 1973/74 die Zuschauerränge vom Spielfeld durch die bekannten Zäune.

 

Inzwischen hatten sich die zumeist jugendlichen Anhänger bundesweit vom älteren „Normalzuschauer“ abgegrenzt. An ihrem festen Standort in der Nordtribüne waren Erstgenannte nunmehr in Jeans-Weste, Werder-Trikot, Schirmmützen und kilometerlangen gestrickten Schals sowie mit Tuten und Rasseln deutlich als Werder-Anhänger zu erkennen. Weniger eindeutig war die Identifikation mit den Vereinsfarben: Traditionalisten setzten auf Grünweiß als Werder-Farben, die eher dem Zeitgeist Zugewandten rannten in Rotweiß umher – analog zur Werder-Mannschaft, die wegen der Finanzierung des neuen Teams durch die Stadt nun im „Speckflaggentrikot“ der Stadt Bremen auftrat. Diese Zweigleisigkeit bei den Farben hatte die Anhängerschaft noch jahrelang begleitet. Mehr noch, 1976 kam durch den ersten Trikot-Werbepartner „Norda“ nun auch noch Blauweiß im Weserstadion hinzu.

 

Dennoch: Mit den Zuschauerfangzäunen und der WM trat in Deutschland auch der „organisierte Fußball-Fan“ ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Er fand außerdem ein leicht zu bestellendes Aktionsfeld vor, hatte doch der erst wenige Jahre zuvor aufgedeckte Bundesligaskandal, bei dem der Ausgang zahlreicher Spiele regelrecht erkauft worden war, viele langjährige (also vor allem ältere) Fußballfreunde aus den Stadien vertrieben. Das galt zwar weniger für Bremen, wo sich niemand schuldig gemacht hatte, aber insgesamt in der Bundesliga. Aber auch in Bremen sank der Zuschauerschnitt in den Folgejahren dramatisch.

 

Was die jugendlichen Fußballfans aber nicht störte, nun wurde auch in Bremen der „Werder-Fan-Club“ gegründet, was aber eher eine Sammelbezeichnung für alle Werder-Fans war als ein fest organisierter Fanclub. Das änderte sich mit dem Erscheinen der „Werder-Wölfe“, dem ersten Werder-Fanclub, der sich einen Namen gab. Weitere Fanclubs entstanden – allerdings nicht sofort. Und auch war man sich farblich nicht einig: Neben dem Fanclub „Grün-Weiß“ existierte auch ein Fanclub „Rot-Weiß“, später sogar ein Fanclub „Blau-Weiß“ (s.o.).

 

Ab 1974 wurden außerdem Fanclubs wie „Bremen-Ost“ „Hermannsburg“, „Bungerhof“, „Huchting“, „Bremen-Nord“ und „Ritterhude“ gegründet. Schon an den Namen lässt sich erkennen, dass die Fangruppen sich eher stadtteil- oder ortsgebunden bildeten und sich damit auch von einander abgrenzten. Auch „Bremen-West“ und „Die Ossis“ fallen in diese Kategorie.

 

Oftmals kannten sich die Mitglieder seit dem Kleinkinderalter, wohnten nicht selten in einer Straße oder gingen in die selbe Schulklasse. In jener Zeit wurden auch allgemein Rivalitäten noch stärker gepflegt als heute. Deutlich zeigte sich das auch z. B. im Straßenfußball, Straße X gegen Straße Y – seit ewigen Zeiten wurde so zum x-ten Male der Vergleich zwischen verschiedenen Straßen ausgetragen – und wer gewann, hatte die Macht im Viertel. Zumindest bis morgen, „denn da machen wir euch endgültig platt“, wie es dann hieß. Und wer nicht gerade durch die Schule oder durch den Sportverein Kontakte zu „den anderen“ hatte, bekam sie in der Regel auch nicht.

 

Dieses Phänomen war ja alles andere als neu und auch keineswegs auf den Fußball beschränkt. Im größeren Rahmen galt dies sogar Stadtteil übergreifend. Wer z. B. in der Vahr „dazu gehörte“, für den war das benachbarte Blockdiek eine No-Go-Area – und umgekehrt galt das natürlich auch. Heute – so scheint es – sind Rivalitäten hingegen meist ethnisch bedingt oder – und das galt damals auch – durch Identifikation mit einer „Subkultur“, einer „Szene“.

 

Bald tauchten im Stadion auch Clubs auf, die schon mit ihrem Namen Eindruck schinden wollten, wie die „Green Army“ oder „Green Power“. Entsprechend war ihr Auftreten. Und spätestens nachdem die Berliner „Hertha-Frösche“ 1979 mit ihrem seinerzeit bekannten Schellenbaum in die Bremer Ostkurve einmarschierten und nahezu alle in der Nähe stehenden Werder-Fans wie die Hasen rannten – in ihrer Kurve, in die sie nach dem Abriss der alten Nordtribüne verfrachtet worden waren und die sie nun als „Heimat“ ansahen – setzten auch hier die Revierkämpfe ein.

 

Und dieses „Revier Ostkurve“ galt es fortan zu verteidigen. Gegen Übergriffe von außen (also gegen gegnerische Fans) als auch gegen vermeintliche Übergriffe von innen (durch das Auftreten neuer Werder-Fanclubs). Nur wer breitschultrig genug auftrat, hatte nun eine Chance, als Werder-Fanclub in der Kurve zu überleben. Die Alternative hieß „Einweihung“ – sprich: Die neuen Clubs kriegten von den alten herrschenden Clubs „ersma richtig einen auffe Fresse“ – und der Haufen, der das überstanden hat, na ja, an den kann man sich ja notfalls gewöhnen. Ob es sich hierbei um eine „bremische Spezialität“ gehandelt hat, die sich über Jahre halten konnte, oder ob in anderen Stadien ähnliche „Nachwuchsarbeit“ betrieben wurde, ist unklar. Die alten Clubs in Bremen fanden natürlich mehr Gefallen an diesem – objektiv gesehen ziemlich bescheuerten - Brauch als die neuen.

 

Viele Clubs zerbrachen an dieser Situation – und wer weiß, wie viele Clubs darob gar nicht gegründet wurden.Und da half es mitunter auch nicht, einen quantitativ großen Club zu bilden, so mancher Club war schneller wieder aufgelöst als er gegründet worden war. Wie die „Eagles“ oder „Bremen-Vahr“…

 

Der Abstieg aus der Bundesliga, aber mehr noch der sofortige Wiederaufstieg brachte eine weitere Zäsur. Nun konnte man in „Fans davor“ und „Fans danach“ unterscheiden und erstmals tauchte der Begriff „Erfolgsfan“ auf. Die „Alten“ galten plötzlich mehr als die „Jungen“, schließlich waren sie „durch die Scheiße gewatet“, hatten sich nach jahrelangen Klatschen in den verschiedenen Bundesligastadien schließlich auch durch die Niederungen der 2. Liga Nord manövriert und hatten damit einen gewissen „Veteranenstatus“ erreicht, dem die Jungen nur die Begeisterung über den Erfolg entgegen zu bringen hatten. Immerhin war man gerade – 1981 - Meister geworden (zwar nur in der 2. Liga, aber nach 16 Jahren Rumgedümpel hatte sogar das etwas für sich) und sofort – 1982 – den UEFA-Cup erreicht, etwas, das man nur aus dem Fernsehen kannte – da war es natürlich leicht, Werder-Fan zu sein bzw. zu werden!

 

Und doch kannten die meisten sich seit Jahren. Und jeder, den du fragtest, kannte auch Adrian Maleika, der am Rande des Pokalspieles beim HSV 1982 getötet wurde. Und noch mehr wollten daraufhin in den Fanclub eintreten, in dem er Mitglied war und in dessen Weste er schließlich beerdigt wurde, „Die Treuen“, die sofort einen Aufnahmestopp verhängten. Waren die Beziehungen zu den Fans der übrigen Nordvereine (Hannover, Braunschweig) traditionell schlecht, so hatte sich mit der Meisterschaft des HSV 1979 das Verhältnis zwischen Bremern und Hamburgern von einem ursprünglich fast freundschaftlichem in ein „Najaaa-Miteinander“ entwickelt. Mit Adrians Tod aber verkehrte sich dies nun in ein Verhältnis, das von offenem Hass zwischen beiden Fangruppen geprägt ist.

 

Es war unverkennbar: Die Fanszene rüstete auf – und zwar bundesweit, europaweit. Berichte über regelrechte wie regelmäßige Überfälle englischer Fans auf den Kontinent erschreckte die breite Öffentlichkeit, imponierte aber den meisten Fans. Vermehrt tauchten nun Aufnäher von englischen Vereinen auf den Fan-Westen auf, vorzugsweise von Liverpool oder West Ham, die in dieser Disziplin als „führend“ galten.

 

Da zudem die Punkwelle mit leichter Verspätung Anfang der 80-er aus England herüber schwappte, tauchte auch im Stadion ein neuer Zuschauertypus auf. Der Punk, der aber bald vom noch englischeren Skinhead abgelöst wurde. Der Fußballfan alter Prägung begann, unmodern zu werden. An Stelle der Orientierung an Mode und Gehabe von Rockern und MCs trat zunehmend die Orientierung an den Skins aus England. Bomberjacken, Springerstiefel (die von richtigen Trendsettern alsbald von den anfangs nur in England zu schießenden und daher viel zu teuren „Doc Martens“ abgelöst wurden) und kurze bis sehr kurze Haare traten mehr und mehr an die Stelle von Jeans- oder Lederwesten (die auch „Kutten“ genannt wurden), Cowboystiefel und Zottelmähne, der englische „Barscarfe“ ersetzte Omas selbstgestrickten Dreieinhalbmeter-Werderschal und das Halstuch.

 

Der Begriff „Kutten“ wurde von den „neuen Fans“ bald auf die ganze alte Szene umgemünzt, ein Begriff als Ausdruck von geringer Wertschätzung.

 

Zu dieser Zeit formierte sich im Bremer Stadtteil Vahr ein Fanclub aus langjährigen Freunden und Werderfans, die aber noch an alten Traditionen fest hielten und die nach dem kläglichen Ende des Fanclubs „Bremen-Vahr“ die Hausmacht beiderseits der damaligen Franz-Schütte-Allee darstellten. Die Jungs gaben ihrem Haufen den Namen „Vahraonen“. Man schrieb den 24. Mai 1983 und der SV Werder hatte just Arminia Bielefeld mit 5:1 den Stinkefinger gezeigt.

 

Heute, im Jahr 2003, sind die Jungs von damals teilweise ergraut, teilweise mit geringfügig vermindertem Haupthaar anzutreffen, dafür teilweise in ihrer Stattlichkeit gewachsen, teilweise mit eigener Familie ausgestattet – und alle 20 Jahre älter. Und trotzdem gilt auch heute noch:

 

 

 

„… manchmal treiben sie Schabernack,

                   ärgern Leute, nicht zu knapp!

                   Schwupp! Schon ist die Nase weg!

                   Wer hat die wohl weg gesteckt?

                   Hurra! Hurra! Die Vahraonen sind wieder da!

                   Hurra! Hurra! Die Vahraonen sind da!“

                    

        





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