12.07.2006

SUPPORTEN NACH DER WM


Vor nicht ganz zweieinhalb Jahren schilderte der Kicker-Redakteur Michael Pfeifer seine Eindrücke bei Clubs der englischen Premier-League. Die Spieler von Fulham wurden trotz einer 2:3-Heimniederlage mit stehenden Ovationen verabschiedet. Chelsea lag gegen Lazio in der CL 0:1 hinten - und statt Pfeifkonzert gab es eine tolle Anfeuerung - die Blues gewannen mit 2:1 und retteten ihrem Trainer Ranieri den Hintern und sich selbst die gesamte Saison.

Pfeifer kommt zu dieser Erkenntnis: "(...) Hätte sich das Publikum alemannischer Verhaltensmuster bedient, wer weiß, ob Ranieri heute noch im Amt wäre. In England heißen die Fans "Supporters" - Unterstützer - und sie nehmen ihren Auftrag ernst. Zur Nachahmung wärmstens empfohlen."

Ja, aber dann kam der Sommer 2006. Auf einmal waren wir alle Deutschland.
Jeder, der einigermaßen einen Fernseher bedienen konnte oder nur Bus- und Bahn(mit)fahren war einen Monat lang wie elektrisiert von einer Sportart namens Fußball.
Wobei, seien wir mal ganz ehrlich, es waren vielleicht in die gleichen Farben wie die Nationalmannschaft gewandete Menschen, die zu Hunderttausenden im Lande auf sogenannten Fan-Meilen unterwegs waren. Aber dieses Phänomen kennen wir seit Mitte der neunziger Jahre doch schon. Mach irgendwo eine Party und sag allen, das wäre megageil und innerhalb kürzester Zeit rennen dir bis zu drei Millionen Feiergeile hinterher.

Nur dass das vor 10 Jahren noch Loveparade hieß, bezeichnenderweise aber auch in Berlin stattfand. Mit einigen Ablegern oder Plagiaten in weiteren kleineren oder größeren Orten des Landes.
Sie tanzten ein paar Jahre durch die Hauptstadt, dann war dieser Event nicht mehr interessant genug.

Und 2006 ? Die Party ist wieder da ! Schrille Outfits, saufen bis zum Umfallen, vielleicht ein paar weniger sonstige Bewusstseinsbeeinträchtiger, let me be entertained by you bis der Arzt kommt.

Wenn Leute 500 km und mehr mit dem Auto fahren, um vor einer Großbildleinwand mit anderen Leuten ein Fußballspiel zu sehen, dann hat das mit Fan wenig zu tun, aber umso mehr mit einer geilen Nationalparty. Wenn das Wetter dazu stimmt und man sonst nicht viel zu lachen hat (bzw. wahlweise dafür auch schon mal in den Keller geht), dann kommt solch ein faszinierender Monat dabei heraus.

Jetzt wünschen sich alle, die Party möge nie zuende gehen. Wenigstens soll etwas davon in die nächste Saison gerettet werden. Schade nur, dass dann wieder Leute ins Stadion gehen, um Fußball zu sehen und wahlweise wie gute Engländer eindrucksvoll zu supporten oder, wenn es schlimm kommt, beim ersten Fehlpass zu pfeifen.

Niemand nimmt ernsthaft an, die Party ginge weiter. Oder will irgendeine Stadt zukünftig Public-Viewing für die Bundesliga anbieten ?
Wohl nicht, höchstens anlassbezogen mal. Hatten wir schon, war auch Party dann. Nur leider ist Bielefeld - Cottbus so was von ungeeignet, ein bundesweites Event daraus zu basteln, dass sich diese Euphoriewelle sehr schnell legen wird.

Und seien wir am Ende doch mal ehrlich: Es ging um ein gemeinsames bundesweites Happening mit Sommer-Sonne-Feier-Feeling und ganz nebenbei kickten da auch noch ein paar kurzbehoste Männer herum, die einen prächtigen Anlass boten. So wie bei Familienfeiern ja nicht das Geburtstagskind im Mittelpunkt steht, sondern "da sehen wir uns alle endlich mal wieder".

Ich hoffe nur eines: Die Menschen, die jetzt als Ergebnis ihrer "Fanerlebnisse" in den WM-Städten auf den Fan-Meilen auch mal ein richtiges Fußballspiel live sehen wollen, dass die nicht zu sehr enttäuscht werden.
Und vielleicht singt die deutsche Reinkarnation von Bryan Adams ja in einer handvoll Jahren über die gerade beendete Weltmeisterschaft "In the Summer of 2006".
Kommt, lasst uns wieder supporten gehen. Live, direkt und mit dem Herz in der Hand die Spieler mit der Leidenschaft im Bein unterstützen.

65 - 88 - 93 - 2004 .....

Hornsby






-zurück-