24.06.2006

"Die Grenze ist erreicht" ? - Die Grenze ist erreicht !


Früher war Helmut Grashoff Geschäftsführer von Borussia Mönchengladbach. Zu Zeiten, als die Mark noch was wert war und die Türkei nicht mal daran zu denken wagte, jemals in die EU aufgenommen zu werden, führte der große alte Mann die Geschicke des fünfmaligen Meisters. Und genau den will ich heute mal ausführlich zitieren:

"Die Preise steigen trotz reicher Ernte - die Fernsehmillionen haben sich verdoppelt, Besucherzahlen boomten, Einnahmen aus Werbung und Sponsoring haben sich vervielfacht - der Fußball wird dennoch immer teurer oder verbleit auf hohem Preisniveau. Warum eigentlich ?

Da war immer die Rede davon, dass man mit den Preisen runter wolle und dass dafür in erster Linie die zusätzlich aus Neuvergabe der Fernseh-Verwertungsrechte, aus Werbung und Sponsoring erwirtschafteten Gelder Teilverwendung finden sollten.
Was ist von diesen löblichen Vorsätzen geblieben ? Leider nichts ! Fast jeder Verein legte noch eine Schippe oben auf die ohnehin nicht eben "verbraucherfreundlichen" Preise drauf.
Ob der Fußballkonsument das noch mürrisch-gelassen wie auf dem Wochenmarkt hinnimmt ?
Sehr fraglich ! Fehlen ihm doch die guten Gründe. Denn, wie gesagt, die "Ernte" ist gut und die Einkünfte der Spieler (wie auch der Trainer) liegen in der Branche ohnehin seit langer Zeit schon auf außertariflichem Liebhaberniveau.
Natürlich gönne ich jedem das Seine. Aber nicht auch noch das des Anderen. Und der "Andere" ist für mich der Zuschauer, der - besonders angesichts der optimierten Vereinseinnahmen - einfach über Gebühr zur Kasse gebeten wird.
Schade - ich hatte erwartet, dass wenigstens ein Quentchen der Mehr-Millionen für die treuen Besucher im Stadion herausspringen würde."


Soweit Helmut Grashoff, von dem man weiß, dass er damals auch recht intensiv mit den ersten Fanvertretern zusammengearbeitet hat. Unser Helmut Grashoff hieß in Bremen übrigens ... Hansi Wolff.
Aber zum Inhalt, der uns so seltsam irreal erscheint. Und doch, Grashoff war mit seinen Ansichten bei weitem nicht der einzige der Managergilde. Ließ sich doch Willi Lemke einst in den Medien zu diesem Statement hinreißen, als er nach seiner Sicht der Entwicklung für die Eintrittspreise befragt wurde:

"Dieser Bereich ist ausgereizt. Eine Grenze ist erreicht."

Heute wissen wir, dass Grenzen dazu da sind, um überschritten zu werden.
Leider argumentieren auch sehr große Teile der Fanszenen ganz im Sinne der heute nicht mehr Vereine genannt werden wollenden Kapitalgesellschaften. Wobei solch einfältige Aussagen in BILD-Qualität wie "wir können nur in die Champions-League, wenn der Verein möglichst viel Geld bekommt, deshalb sind die Eintrittspreise schon ok" oder aber "das ist eben das Geschäft, da kann man sowieso nichts machen" noch dazu beitragen, die neue smarte Managergeneration der Marke Kaenzig und Co. durchaus in ihrer Vorgehensweise zu bestätigen.

Ja, diese Fußballkonsumenten liefern sozusagen eine Generallegitimation ab, um weiter an der Schraube zu drehen. Denn in die Champions-League, da wollen jedes Jahr immer mindestens 10 Kapitalgesellschaften mit einem Teil ihres Kapitals, nämlich dem zweibeinigen, hin.

Aber längst werden die Fußballkonsumenten nicht mehr nur durch Eintrittspreise geschröpft. Dazu kommen auch geradezu an Wucher grenzende Verpflegungskosten, höchstens durch den Liebhaberwert zu begründende Preise für Fan-Artikel (der Einkaufspreis für Trikots wird durch die Fan-Artikel-Nebengesellschaften der Kapitalgesellschaften nach Einkauf in der Regel etwa verdoppelt, bevor an den Fußball-Fan weiterverkauft wird ...) und weiterer Schnick-Schnack, von dem die Parkgebühren nur ein Aspekt sind und der seinen vorläufigen Höhepunkt wohl in der Mitfinanzierung der Telekom-Bundesliga über die Gebühren finden wird.

Wenn man das zusammenrechnet, stehen Milliarden unter dem Strich.
Ach ja, ich wollte noch etwas zu den Dauerkartenkunden schreiben, die Helmut Grashoff ja sicher mit den treuen Besuchern im Stadion gemeint haben dürfte. Auch sie schlucken in Bremen, aber auch in der gesamten Bundesliga Jahr für Jahr höhere Preise (oder wahlweise schlechtere Konditionen).
Sie schlucken es, bereits Monate vor der neuen Saison einige hundert Euro für eine Leistung zu zahlen, die erst in mehr als 12 Monaten erbracht wird. Ja, sie verteidigen das damit, dass sonst ja die guten Spieler nicht zu bezahlen wären. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, sein Auto ein Jahr im Voraus zu bezahlen, nur damit er überhaupt eins bekommt.
Das gab es höchstens zu DDR-Zeiten !
Und wir haben in Deutschland verdammt gute Autos ...

Aber da höre und lese ich dann Kommentare, die sich erstaunlich bei Fans und Funktionären decken mit dem Tenor: Der Markt bestimmt die Preise ! Aha. Anderswo nennt man so was Kapitalismus oder neoliberale Wirtschaftideen. Doch solange Miro Klose Tore schießt, ist der wirtschaftliche Hintergrund Nebensache, wird das Gehirn kollektiv ausgeschaltet, wie es scheint.

Hier wird mit dem Appell und dem Ausnutzen von Emotionen richtig Geld verdient.
Natürlich ist Geldverdienen nicht verboten. Natürlich ist es mir auch lieber, Ronaldinho live im Weserstadion zu sehen, als Klopperteams aus Duisburg oder Cottbus. Allerdings auch hier bereits Monate vor dem ersten Spiel in der CL das Ende der Vorkaufsfrist - gleichzeitig mit einer 16,6%igen Preissteigerung.
Ohne zu wissen, wer die Gegner sind, vor allem aber, ohne die konkreten Termine zu wissen.
Wie gesagt, der Markt bestimmt auch hier - und der Markt ist bei Werder seit einiger Zeit von einer sehr starken Nachfrage geprägt. Was eben nicht nur an der Börse die Preise steigen lässt.
Zuletzt zu den Grenzen, die anscheinend wie gewollt immer wieder lässig von der neuen Managergeneration überschritten werden, ohne Gefahr zu laufen, dafür angeprangert zu werden.
Lassen wir noch mal Willi Lemke zu Wort kommen:
"30000 verkaufte Dauerkarten sind keine Utopie. Wir müssen das Produkt Fußball dem Endverbraucher wieder näher bringen. Ich rede davon, im Weserstadion 20000 bis 30000 Dauerkarten an den Mann zu bringen. Das ist nur eine Frage des Engagements und der Mannschaft, die natürlich weiterhin gut spielen muß. Fazit: Je mehr sich die Wirtschaft engagiert, desto günstiger wird es für den einzelnen Konsumenten."

Was die Zahlen betrifft, könnte man Willi einen Propheten nennen. Die Grenze an Dauerkarten liegt zur Zeit genau in der Mitte - allerdings könnten wohl sehr viel mehr verkauft werden, wenn Werder es zuließe. Trotzdem bleibt dem heutigen Senator zu unterstellen, dass er im August 1989 wohl mehr von einer machbaren Utopie sprach.
Wie weit sich die Grenzen aber wirklich entwickelt haben, sieht man an den Preisen für die einzelne Dauerkarte. Meine kostete 1991/92 immerhin ganze 235 D-Mark - heute sind es locker 275 EURO. Für den gleichen Platz ! Aber ich muss mir von anderen Fußballkonsumenten anhören, dass es in Hamburg ja noch sehr viel teurer wäre. Ach so !

Und da, genau da, da muss ich Helmut Grashoff uneingeschränkt zustimmen. Auch wenn wir im Moment ja alle gerade Deutschland sind (man hat mich zwar nicht gefragt, aber wenn die Blutzeitung das sagt, wirds wohl stimmen), auch wenn eine unglaubliche Euphoriewelle selbst sonst vom Fußball relativ unbeeindruckte Menschen zu erfassen scheint, auch wenn sonst eher sehr distanziert zum Fußball stehende Kulturradiosender wie WDR 5 oder D-Radio davon sprechen, dass es nur noch Fans gibt - NEIN, es ist nicht so. Es gibt nach wie vor sehr viele Fußballkonsumenten, die nur für eine kurze Zeit entdeckt haben, dass sie auch einen Teil Spaß zu ihrem Konsum hinzufügen können.

Von Fußballfans zu sprechen, wäre in diesem Zusammenhang mehr als vermessen. Aber wie sollen sonstige Kulturschaffende das auch verstehen. Das verstehen ja selbst die sonst "Nur-Konsumenten" nicht.
Denn die werden sicher auch nicht verstehen, was Helmut Grashoff im Sommer 1992 meinte, als er die anfangs zitierten Worte zu Papier brachte. Heute, wo für einen Sommermonat lang alles in diesem Lande bunt und fröhlich ist, Fußball der Mittelpunkt des Lebens und Menschen ohne Fahne am Auto oder im Fenster schon als undeutsch tituliert werden.
Im wahrsten Sinne "Brot und Spiele", die für gewöhnlich sozialökonomische Probleme überdecken und vergessen machen sollen. Das wussten schon die alten Römer.
Schade, auch ich hatte erwartet, dass ein Quentchen der Mehr-Millionen für die treuen Besucher im Stadion herausgesprungen wäre. So waren es nur komfortablere Stadien, uups, meistens eher Arenen, deren Komfort über erheblich höhere Eintrittspreise refinanziert wird.
So wurden die Spieler nicht nur mit Geld zugeschüttet, sondern es hatte den Anschein, sogar in Gold aufgewogen. Oder in Platin. So wurden in modernen mittelständischen Betrieben, die die Kapitalgesellschafsvereine ja darstellen, immer mehr hochdotierte Menschen eingestellt, die vor allem für eines zuständig zu sein scheinen - die Distanz zu den Fans zu erhöhen. Man nennt das dann Marketing, Controlling und noch einiges mehr an englischen Begriffen, die deutlich machen, worauf es ankommt. Während übrigens das angestellte Fußvolk zu hören bekommt, es wäre eine Ehre, für den Verein zu arbeiten und von daher würden nur geringe Gehälter gezahlt.
Und zuletzt wurden auch noch unliebsame kritische Konsumenten (würde wohl Grashoff sagen) systematisch mit Aussperrung bedroht, einem Instrument, das für gewöhnlich Arbeitgeber im Arbeitskampf verwenden. Soweit sind wir schon. Man will sich seine Konsumenten nun auch noch aussuchen.

Und genau da, da sind für mich nun Grenzen erreicht, deren Überschreitung ich nicht mehr hinnehmen werde. Wobei ich hoffe, dass es vielen so geht.

Hornsby






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